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Unbekannter Munitionsfrachter vor Chalkida, Griechenland

Vor dem Tauchgang wurde uns das Wrack als „Deutsches Kriegsschiff aus Beton“ angekündigt. Vorgefunden haben wir etwas ganz anderes…


Der Bau von Stahlbetonschiffen ist tatsächlich eine bekannte Praxis aus dem 1. Und 2. Weltkrieg, wenn erhöhter Bedarf an Transportkapazitäten auf die Lieferengpässe beim Schiffbaustahl traf. Während der Besetzung Griechenlands begegnete die Wehrmacht genau so einem Problem, da es für Operationen in der Ägäis dringend an Tonnage, insbesondere von kleinen Frachtern und Schuten fehlte. Zwischen 1941 und 1944 wurde deshalb ein Bauprogramm von Betonschiffen nach französischen Bauunterlagen ins Leben gerufen. Die Fertigung erfolgte im griechischen Perama. Echte Kriegsschiffe in der Bauweise waren uns bisher unbekannt. Doch gleich der erste Blick auf unser 38 Meter langes Wrack reicht aus, um festzustellen, dass es kein Kriegsschiff und erst recht nicht aus Beton war. Und das liegt nicht nur an der Rotfärbung des rostigen Rumpfes oder an der dünnen Rumpfbeplattung.


Dazu muss man einen kleinen Exkurs in die Werkstoffkunde und Schiffsfestigkeit wagen. Stahlbeton ist im Gegensatz zum Stahl kein homogenes Material, das sich in allen Belastungsrichtungen gleich verhält. Während der Beton die Drucklasten gut aufnimmt, versagt er bei Zuglasten, die wiederum durch Bewehrungsstahl aufgefangen werden. Bei Schiffen treten beide Lastarten abwechselnd bei der Biegung und Torsion ihrer Rümpfe im Seegang oder durch ständiges Be- und Entladen auf. Deshalb muss ein herkömmlicher Schiffsrumpf eine gewisse Flexibilität aufweisen, die man mit Beton als Werkstoff nicht erreichen kann. Stattdessen muss der Rumpf eines Betonschiffs, wie bei einem Ponton, extrem biegesteif konstruiert sein, damit der Werkstoff seine Stärken ausspielen kann. Darum werden große Decksöffnungen und Ausschnitte, wie zum Beispiel großflächige Laderaumluken dringend vermieden. Außerdem werden Hauptabmessungen mit einem geringen Verhältnis zwischen Schiffslänge und Breite bzw. Bordhöhe gewählt. Alles das ist beim Wrack vor Chalkida nicht der Fall: schlanker fürs Flachwasser optimierter Rumpf mit riesigen Lukensüllen über mehr als die halbe Schiffslänge erstreckt. Die militärische Natur des Wracks wird dagegen durch Laderäume voll mit Munition, zwei Fundamente für FlaK-Geschütze und kleine schlitzförmigen Fenster im Steuerhaus betont.


Die wahrscheinlichste Arbeitshypothese bei der Identifizierung des Wracks besagt, dass es sich um die Péniche „Havel“ handeln könnte. Péniche ist eine spezielle Art von Frachtkähnen, die in ihren Abmessungen für die Schleusen auf französischen und belgischen Kanälen optimiert war. Genau diese Abmessungen hat auch unser Wrack vor Chalkida, das als Beuteschiff in die deutsche Hand gefallen sein soll und seitdem als Munitionstransporter diente. Zusätzlich halten die historischen Unterlagen fest, dass die „Havel“ in genau dieser Gegend im Oktober 1944 beim Abzug deutscher Truppen als Blockschiff zum Versperren der Wasserstraße versenkt wurde. Gegen diese Verwendung sprechen aber sowohl die große Tiefe als auch wertvolle Artilleriemunition an Bord. Ungefähr zur Zeit des Untergangs soll der Schlepper „Vulkan“ nach Chalkida geschickt worden sein, um die „Havel“ und fünf mit Munition beladene Lastensegler abzuholen, was ebenfalls gegen eine Selbstversenkung spricht. Man kann also nur noch vermuten, dass irgendwas bei dieser Evakuierungsaktion schief gegangen sein muss. Nach den Überlieferungen der Einheimischen sollen Geschütze später von griechischen Partisanen abgeborgen worden sein, was in der Tiefe nicht so einfach wäre. Allerdings überschneidet sich diese Beschreibung mit der Geschichte eines in der Nähe liegenden Betonwracks, sodass hier vermutlich zwei verschiedene Episoden verwechselt werden.  Es bleibt also spannend...


Holger Buss - Dive3D.eu

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