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Militärtransporter S/S „Thistlegorm“ in der Straße von Gubal

  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Innerhalb der weltweiten Tauchergemeinschaft ist „Thistlegorm“ wahrscheinlich eines der bekanntesten Wracks. Zuerst wurde sie im Jahr 1956 von Jacques-Yves Cousteau entdeckt. In diesem Zusammenhang kursiert eine urbane Legende, dass Cousteau die Position der „Thistlegorm“ mit den ägyptischen Behörden ausgetauscht haben soll, nachdem ihm Geld- oder sogar Haftstrafen für Sprengstoffnutzung in den Korallenriffen gedroht hätten. Zwar ist es allgemein bekannt, dass er in den ersten Jahren seiner Forscherkarriere Sprengstoff zur Fischartbestimmung einsetzte, und sogar einen Zugang für sein Schiff in einem Blue Hole freisprengte, jedoch gibt es keine Belege für ein solches Tauschgeschäft. Nach der Entdeckung wurde „Thistlegorm“ für fast vier Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. Erst nach seiner Widerentdeckung im Jahr 1991 rückte das Schiff in den Fokus der Tauchindustrie.

Der etwa 127 Meter lange und fast 18 Meter breite Dampffrachter mit einer Tonnage von 4900 Bruttoregistertonen wurde im Juni 1940 in Sunderland im Nordosten Englands gebaut. Mit dem Namen „Thistlegorm“ setzte er die Tradition der Reederei „Albyn Line“ fort, die alle ihre Schiffsnamen mit „Thistle“ (eng. Distel) beginnen ließ. Von Anfang an war „Thistlegorm“ für eine Doppelnutzung als ziviles Frachtschiff und als militärischer Transporter vorgesehen. Aus diesem Grund wurde ihr Bau anteilig durch das britische Ministerium für Kriegstransporte finanziert. Zur Selbstverteidigung erhielt das Schiff ein verstärktes Achterdeck mit einem 120 mm Geschütz gegen Seeziele und einem schweren Maschinengewehr für Flugabwehr. Zur Bedienung der Waffen wurde die zivile Besatzung durch Marinesoldaten verstärkt.


Innerhalb ihrer kurzen Lebensdauer absolvierte „Thistlegorm“ nur drei erfolgreiche Reisen. Beim vierten Auftrag lief sie im Juni 1941 im schottischen Glasgow aus, um eine militärische Fracht nach Alexandria in Ägypten zu bringen. Die Ladung bestand aus Flugzeugteilen, Lastwagen, leicht gepanzerten Tanketten, Motorrädern, Handwaffen mit Munition, Granaten, Funkgeräten und Gummistiefeln für die „Western Desert Force“ der britischen Armee. Für die ägyptische Eisenbahn wurden zwei Dampfloks mit Schlepptender und Eisenbahnwagen auf dem Oberdeck mitgeführt.

Um einer Gefährdung durch deutsche und italienische Präsenz zu See und in der Luft zu entgehen, nahm „Thistlegorm“ einen Umweg um Afrika herum in Kauf und fuhr von Kap der Guten Hoffnung bis zum Golf von Aden in Begleitung des britischen leichten Kreuzers HMS „Carlisle“. Dort wurde sie einem Konvoi mit 20 Schiffen zugeordnet und sollte im September 1941 den Sueskanal passieren. Dieser Plan wurde durch eine Sperrung des Kanals nach einer Schiffskollision verhindert, wodurch das Konvoi eine vermeintlich sichere Reede in der Straße von Gubal an der Südspitze der Sinai-Halbinsel aussuchte und dort vor Anker ging, wo er für zehn Tage auf die Freigabe des Kanals wartete.


In der Nacht des. 6. Oktober wurde das Konvoi durch zwei Bomber der Luftwaffe entdeckt und mit schweren Spezialbomben angegriffen, wobei „Thistlegorm“ als größte Schiff zum Hauptziel des Angriffs wurde. Mindestens eine der 2400 Kilogramm schweren Bomben traf ihr Opfer im Bereich des hinteren Laderaums und setzte weitere Munition an Bord des Schiffs um. Die Wucht mehrerer Detonationen war derart groß, dass sie das Hinterschiff abriss und sogar Teile des Oberdecks wie ein Pappkarton auf den Rest der Aufbauten umklappte. Die beiden auf dem Oberdeck befestigten Dampfloks wurden wie Spielzeuge ins Meer geschleudert. „Thistlegorm“ ging in wenigen Minuten unter und nahm neun Seeleute und Soldaten mit sich mit. Die restlichen 30 Überlebenden wurden anschließend durch benachbarte Schiffe gerettet.


Heute liegt der Hauptteil des Wracks auf dem ebenen Kiel in 30 Metern Tiefe und ragt an seiner höchsten Stelle etwa 13 Meter über dem sandigen Meeresgrund. Die vorderen Laderäume sind bis an den Rand mit militärischer Ladung gefüllt. Das Hinterschiff liegt mit einer Schlagseite von ca. 45 Grad nach Backbord und ist stark zerstört. Trotzdem sind die Deckgeschütze in ihren ursprünglichen Positionen erhalten. Zwischen beiden großen Schiffsteilen erstreckt sich ein Durcheinander aus verbogenen Trümmern, Munition, vereinzelten Fahrzeugen und sonstiger Ladung. Die beiden Dampfloks liegen in geringer Entfernung zu beiden Seiten des Wracks und sind stille Zeugen der zerstörerischen Kraft, die hier einst wirkte.

Geringe Tiefen und gute Zugänglichkeit der Innenräume erlauben ausgedehnte Tauchgänge im Wrackinneren und sogar Nachttauchgänge ohne zu viele Zusatzrisiken. Lediglich eine enorme Anzahl von Safaribooten und Sporttauchern rauben dem Wrack ein großes Teil seiner Magie. Immerhin sind es etwa 100.000 Tauchgänge, die hier schätzungsweise jährlich stattfinden. Dementsprechend leidet auch das Wrack. Zum einen durch die Souvenirjäger und zum anderen durch schlechte Tarierung der Sporttaucher oder durch die Dauerbelastung durch die ausgeatmeten Luftblasen, die den Zerfall des Schiffskörpers begünstigen. Nur beim Nachttauchen kann man es versuchen die „Thistlegorm“ wenigstens ansatzweise für sich zu haben.


Quellen: Simon Brown - deep3d.co.uk/

Holger Buss - dive3d.eu

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