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Namenlose Wracks der Ostsee

Mit einem geschätzten Bestand von weit über 10.000 Wracks gehört die Ostsee zu den wrackreichsten Gewässern der Welt. Zwar begannen die Seeschifffahrt und Seehandel hier einige Jahrtausende später als z.B. im Mittelmeerraum, wurden dann aber desto intensiver betrieben. Allein die Hanse verfügte zu ihrer Blütezeit über eine Hochseeflotte von über 1000 Schiffen. Hinzu kam eine mehrfache Menge an kleineren Schiffen für die Küstenfahrt und an Fischerbooten. Dies in einem vergleichsweise beengten und navigatorisch anspruchsvollen Seegebiet, in dem Schiffsuntergänge bei Kollisionen, Navigationsfehlern und im Schlechtwetter quasi vorprogrammiert waren. Kriegerische Auseinandersetzungen nicht mitgerechnet.


Eine nicht ansatzweise vollständige Übersicht der bekannten
Wrackpositionen in der westlichen Ostsee

Die meisten Schiffe im Laufe der Menschheitsgeschichte waren aus Holz gebaut. Es ist in der Natur dieses organischen Werkstoffes, dass es sich nach einer Zeit mit Hilfe von bestimmten Mikroorganismen und von größeren Meeresbewohnern zersetzt. Allen voran ist der Schiffsbohrwurm (eigentlich eine Muschelart) zu nennen, der dafür sorgt, dass man heute fast nirgendwo mehr auf der Welt Holzwracks findet, die älter als 100 Jahre sind. Die Ausnahme bilden lediglich Meeresgewässer mit besonderen Bedingungen, bei denen der Übeltäter nicht überleben kann. Eines von solchen Gewässern ist die Ostsee, deren geringer Salzgehalt in Verbindung mit einer ggf. vorhandenen lokalen Sauerstoffarmut für ungewöhnlich gute Erhaltung von Holzresten sorgt. Mit einer starken Sedimentbildung und strömungsbedingten Sedimentbewegungen, sind viele Wracks tief im Schlick und Sand vergraben und kommen dadurch nur gelegentlich zum Vorschein, wenn sich die Bedingungen am Meeresgrund wieder mal geändert haben.


Die Eisenschiffe haben es aber auch nicht leichter. Bereits nach einem Jahrhundert im Seewasser zerfallen die meisten Stahlrümpfe korrosionsbedingt zu flachen traurigen Trümmerhaufen, die selbst auf einem Sonarbild kaum noch ein Echo erzeugen. So ist es nicht verwunderlich, dass bisher nur wenige Tausend der Ostseewracks überhaupt gefunden wurden. Bei vielen von diesen Fundstellen handelt es sich um kleine Frachtschiffe und Fischerboote, deren Identifizierung selbst mit intensiven Archivrecherchen nahezu aussichtslos scheint. Und so kommt es, dass die Seekarten mit unzähligen Wrack- und Unreinstellen mit unbekannten Schicksalen regelrecht übersäht sind. Dieser Artikel ist einer zufälligen Auswahl von solchen namenlosen Wracks aus verschiedenen Zeiten und Teilen der deutschen Ostsee gewidmet.


Das "Holzschiff Sagasbank“ in der Lübecker Bucht

Länge über Alles – ca. 20 m

Grundtiefe – ca. 14 m


Eines von diesen Wracks ist das ca. 20 Meter lange Holzschiff nahe der Sagasbank in der Lübecker Bucht etwa zwei Seemeilen östlich der Ortschaft Großenbrode. 2007 wurde es vom Vermessungsschiff des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in einer Tiefe von 14 Metern gefunden. Die Bauform und der Zustand des Wracks deuten darauf hin, dass der kleine Fischkutter irgendwann zwischen 1940 und 1950 gebaut wurde. Der Untergang könnte sich irgendwann in 1960-ern ereignet haben.


Eiserne Tjalk vor Fehmarn

Länge über Alles - ca. 22 m

Grundtiefe – ca. 18 m



Das andere Beispiel ist die eiserne Tjalk vor Fehmarn, die 2020 vom Wracktaucher Ingo Oppelt beim systematischen Abscannen des Seegebiets entdeckt wurde. Zwar ist die Identifizierung bisher nicht gelungen, jedoch konnte das Baujahr anhand von Ziermustern auf Kombüsenfliesen auf einen Zeitraum um 1880 eingegrenzt werden. Weitere Fundstücke erlaubten eine erste Schätzung des Untergangsjahres, und zwar etwa um das Jahr 1910.


Holzwrack vor Fehmarn, vormals als „Lehnskov“ bekannt

Länge über Alles - ca. 28 m

Grundtiefe – ca. 23 m



Ein weiteres Wrack in der Nähe von Fehmarn war jahrelang als dänischer Frachtsegler „Lehnskov“ bekannt. Jedoch brachte engagierte und hartnäckige Forschungsarbeit eines „Citizen Science“ Teams um Philip von Tresckow im Jahr 2019 neue Erkenntnisse. Dabei konnte ein in unmittelbarer Nähe liegendes Wrack eines Dreimastseglers als „Lehnskov“ identifiziert werden, wonach die Identität der „alten Lehnskov“ wieder mal zu einem Geheimnis wurde, das auf seine Lüftung noch wartet.


„Marine-Schlepper“ vor Warnemünde

Länge über Alles – ca. 18 m

Grundtiefe – ca. 9 m


Nicht weniger spannend ist das Wrack des Marineschleppers vor Warnemünde. Bereits die ersten Funde deuteten darauf hin, dass der kleine Motorschlepper zur Kriegsmarine gehört haben muss und demnach im 2. Weltkrieg unterging. Obwohl alle Schiffe im Marinebestand inklusive der Hilfsfahrzeuge bei den entsprechenden Ämtern akribisch erfasst waren, ist es bis heute nicht bekannt, um welchen Schlepper es sich hier handelt. Vermutlich, weil er im Chaos der letzten Kriegstage aus dem zivilen Bestand akquiriert wurde. Selbst die später entdeckte Bautafel mit dem Namen einer niederländischen Werft, Baunummer und mit dem Baujahr 1929 half an dieser Stelle nicht weiter. Eine Archivrecherche bei der seit langem nicht mehr existierenden Hondsbosch-Werft in Alkmaar war leider nicht mehr möglich.


„Hölzernes Marineboot“ in der Kieler Bucht

Länge über Alles – ca. 20 m

Grundtiefe – ca. 19 m



Ähnliches Schicksal ereilte auch das Marineboot in der Kieler Bucht. Zwar fand man Waffen und Kriegsmarine-Utensilien an Bord, jedoch war bisher nicht einmal seine Funktionszuordnung möglich. Die Rumpfform und vier große fassförmige Behälter passen zu keinem bekannten Typ von Kampf- oder Hilfsfahrzeugen der Kriegsmarine, sodass inzwischen abenteuerlichste Theorien im Umlauf sind: von einem Torpedotransportboot, über ein Speisewasser-Tankfahrzeug für die Dampfkessel großer Kriegsschiffe bis hin zu einem Flugboot-Versorger.


„Ziegel-Ewer“ vor Kühlungsborn

Länge über Alles – ca. 27 m

Grundtiefe – ca. 23 m


Wegen seiner Ladung von Ziegelsteinen bekam der eiserne Motorsegler nördlich der Mecklenburger Ortschaft Kühlungsborn den Spitznamen „Ziegel-Ewer“.  Die zweite gängige Bezeichnung „Ewer von Wismar“ bekam das Plattbodenschiff durch seine relative nähe zur Hansestadt. Das erstaunlich gut erhaltene Wrack war schon zu DDR-Zeiten in den 1980-ern Jahren bekannt, wurde aber erst nach der Wende von BSH umfangreich untersucht. Leider gab es beim Ewer keine Funde, die eine Identifizierung oder zumindest eine grobe Eingrenzung des Untergangsdatums erlaubt hätten.


„Tjalk Kieler Förde“

Länge über Alles – ca. 24 m

Grundtiefe – ca. 20 m


Ein weiteres wunderbar erhaltenes unidentifiziertes Wrack ist die eiserne Motortjalk in der Kieler Förde. Sie wurde im Jahr 1984 vom BSH bei routinemäßigen Vermessungsarbeiten gefunden und liegt mitten im Ansteuerungsbereich nahe eines Verkehrungstrennungsgebiets. Diese fürs Tauchen ungünstige Lage wird anhand von vielen kleinen technischen Details gut erkennbar, die nach vielen Jahren auf dem Meeresgrund noch immer an Ort und Stelle sind. Sogar die Schiffsglocke fand man 1990 an ihrem rechtmäßigen Platz, doch nicht mal sie konnte den Schiffsnamen verraten: es fehlte jede Spur einer Gravur.


„Steuerrad-Wrack“ vor Hiddensee

Länge über Alles – ca. 25 m

Grundtiefe – ca. 24 m


Vom hölzernen „Steuerrad-Wrack“ nördlich der Insel Hiddensee ist bis auf die eingesandeten Reste des Vor- und Hinterschiffs oder wegerodierte Spantenreste kaum noch etwas übrig. Hier und da liegen noch einzelne verstreute Holzfragmente oder zu unförmigen Eisenklumpen verwachsene Winden unter dichten Bänken von Miesmuscheln. Das Highlight bieten die Reste eines einfachen eisernen Steuerrads, die noch immer an der Stelle liegen, wo einst das Steuerhaus war. Daher auch der Wrackname. Selbst diese wenige Informationen reichen zwar, um das Wrack als einen weiteren Lastensegler – einen Ewer oder eine Tjalk zu erkennen, doch eine Identifizierung bleibt weiterhin unwahrscheinlich.


„Holzwrack Kadetbank“

Länge über Alles – ca. 20 m

Grundtiefe – ca. 18 m



Genauso sieht es auch bei dem Wrack des Holzschiffs auf der Kadetbank an der deutsch-dänischer Seegrenze aus.   Vermutlich handelt es sich hier um ein weiteres von unzähligen Fischerbooten, die stillschweigend im Laufe des letzten Jahrhunderts untergegangen sind, ohne dass man heute eine realistische Aussicht auf Erfolg bei de Ursachenforschung hat.


„Zwei-Anker-Wrack“ vor Bülk

Länge über Alles – ca. 20 m

Grundtiefe – ca. 10 m



Das „Zwei-Anker-Wrack“ wurde im Jahr 2016 per Zufall von den Forschungstauchern aus Kiel gefunden, als man eigentlich die Reste eines anderen, nur wenige Hundert Meter entfernt liegenden Wracks zu Ausbildungszwecken untersuchen wollte. Obwohl das Wrack seitdem durch das Forschungstauchzentrum immer weiter unter die Lupe genommen wurde, ändert das nichts an der Tatsache, dass vom Schiff nur noch seine Ladung von Ziegelsteinen, zwei eingesandete Winden, zwei Stockanker und Reste eines Petroleum-Ofens übrig sind. Der feste Mergelboden macht jede Suche nach weiteren Hinweisen zur Untergangsgeschichte aussichtslos. Im Grunde genommen, ist die zeichnerische Rekonstruktion des Wracks als ein Flachboden-Lastensegler bereits hochgradig spekulativ.


Motorboot in der Flensburger Förde

Länge über Alles – ca. 6 m

Grundtiefe – ca. 12 m



Das Modernste Wrack in dieser kurzen Übersicht ist das klassische Motorboot vor der Halbinsel Holnis in der Flensburger Förde.  Der aus dem glasfaserverstärkten Kunststoff gefertigte sechs Meter lange Rumpf wird noch eine Weile dem Meer trotzen können und vielleicht gelingt es einem Bootsliebhaber doch noch den Hersteller oder sogar das genaue Modell des Sportbootes zu bestimmen. Jedenfalls dauert es noch eine Weile, bis es in den Fokus von Unterwasserarchäologen rückt.


Wrackforscher.de - "Das vergessene Wrack vor Fehmarn"



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